Schule

    • Ich muss auch als ehemaliger Hauptschulabgänger zu Psycho Dad zustimmen. Die Palette an speziellen und kreativen Schulstoff meiner Schule war ebenfalls recht mager. Ich musste sehr viel Nachholen.
      Hauptschulen verlieren ihre Existenz seit langen wegen der schlechten Annerkennung durch den deutschen Schulsystem und Medien.


      Bringen wir mal eine Neue Nachricht:
      Vor einer Woche hat eine Tweeterin aus einem Gymnasium ein Shitstorm ausgelöst mit 21.000 Favorisiert und 12.000 Mal verteilt. Sie meine im Tweeter, sie keine Ahnung von Steuern - aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben.

      Im meiner Hauptschule habe ich viele Lebenspraxises gelernt aber wie sieht mit den höheren Schulen aus?

      Quellen:
      stern.de/familie/kinder/nach-t…eberfluessig-2166268.html
      stern.de/familie/kinder/twitte…-schulsystem-2166122.html
    • Im Grunde genommen ist dieser Tweet wirklich überspitzt, allerdings auch die traurige Wahrheit. Letztendlich haben wir damals in der Schule ebenfalls darüber diskutiert, warum wir nur Mist lernen, der uns im Alltag später nichts bringen wird. Ist auf alle Fälle in bayerischen Gymnasien so. Da mein kleiner Bruder aktuell auf der Hauptschule ist, kann ich da auch definitiv einen Vergleich ziehen. Auch hier werden Hauptschüler deutlich stärker auf den Alltag vorbereitet und lernen beispielsweise auch, wie sie ins Berufsleben einsteigen oder Kochen und Backen steht tatsächlich auf der Alltagsordnung. Zudem bemühen sich die Lehrer auch um die Praktika der Schüler und stellen außerdem sicher, dass die am Ende Ihrer Schullaufbahn auch einen festen Ausbildungsplatz haben.

      Da wird man als Gymnasiast leider das Gefühl nicht los, dass ein Großteil des Stoffes reine Fachidiotie ist, die im Alltag zu nichts zu gebrauchen ist. Sieht man beispielsweise in der Mathe-Oberstufe, 10-12 Klasse, die in Bayern PFLICHT ist. Wer behauptet, dass mir der Stoff aus den Jahren im Alltag helfen wird, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Und ich habe eine zwei im Wirtschaftsabi, habe aber keine Idee, wie ich eine Steuererklärung mache oder einen Lohn-Steuer-Jahresausgleich... haben wir in Wirtschaft nie durchgenommen.:ugly:

      Ich finde auch das Argument, die Eltern sollen einen darauf vorbereiten absolut fragwürdig. Soll das bedeuten, dass diejenigen, die ein schweres Verhältnis zu Ihren Eltern haben oder zu bestimmten Elternteilen keinen Kontakt haben, nicht ins spätere Leben einsteigen können? Schule soll auf den Einstieg ins selbstständige Leben vorbereiten, so wie es jetzt aber ist, vermitteln Gymnasien größenteils Mist für Fachidioten in späteren Jahrgängen, der später locker im entsprechenden Studienfach untergebracht werden könnte, falls man sich dafür interessiert während Hauptschulen tatsächlich einen größeren Fokus auf das spätere Zurechtkommen im Alltag legen.

      Lange Rede, kurzer Sinn: Das deutsche Schulsystem ist *******! (Rant over)
    • Kann ich zustimmen. Man lernt viel, aber auch viel Mist. Ich fände es besser, wenn die ersten Schuljahre dafür genutzt würden, um die Stärken, Schwächen und Interessen jedes einzelnen herauszuarbeiten. Später in den letzten 4 Schuljahren der Sekundarstufe I sollte es dann bestimmte Richtungen geben, die jeder frei wählen kann. Wenn jemand z.B. gut in Mathe ist, sollte er eine technische Richtung anstreben um später vielleicht dann im IT-Sektor arbeiten zu können usw.

      Aktuell lernen alle in den 10-13 Jahren das Selbe. Da stellt sich dann die Frage, warum ein Informatik-Student in Deutsch sein Abi schreiben muss oder warum ein Schüler nicht für ein Medizin-Studium zugelassen wird, weil er in Geografie einfach mal eine 3 hatte.

      Viele Sachen sind natürlich nützlich, man sollte schon rechnen/schreiben können, allerdings brauch kein werdender IT-Experte Gedichtsanalysen in der Oberstufe durchnehmen und 2 Fremdsprachen lernen. Für ihn wäre es 100 mal nützlicher, wenn er, anstatt zwei Fremdsprachen, lieber zwei Programmiersprachen drauf haben würde.
      Ebenso ist es unnütz, wenn ein Germanist sich durch Polynomdivisionen und Algebra kämpfen muss, wenn er später damit eh nichts zu tun hat.

      Gerade heute ist das vorhandene Wissen so komplex, dass kein Mensch alles beherrschen und auch wissen kann. Ich z.B. habe nicht genug Physik-Wissen in der Oberstufe gehabt und konnte deshalb auch kein Informationstechniker werden, obwohl ich es gerne geworden wäre (hab stattdessen Chemie gehabt, ui toll). Die Zeit später, vor allem im Studium, reicht nicht aus, um Wissenslücken zu stopfen. Wer da bestimmte Sachen nicht kann, hat die A-Karte.

      Man sieht ja, dass es in Finnland besser geht, also warum machen wir da nichts? Warum halten wir an diesem starren Modell fest?

      Und zu dem Tweet:

      Natürlich hat sie recht. Es gibt kaum/keine Fächer wie Medienkompetenz, Ethik/Religion/Zwischenmenschliches, Sucht & Arbeitslehre. Gesellschaftswissenschaften existieren, aber da meistens "nur" Geschichte, Politik & Geographie.

      Ich hatte zwar damals Arbeitslehre und Ethik, wurde aber alles stiefmütterlich behandelt. Homosexualität? Keine Ahnung, ist bestimmt eine Krankheit. Religionen? Keine Ahnung, wir werden deshalb dann später Scientologen. Drogen? Keine Ahnung, muss ich mal alles ausprobieren.

      Und bei den etablierten Fächern ist der Stoff auch veraltet. Ich weiß zwar in Geschichte wie der zweite Weltkrieg von statten ging, aber was heute im Nahen Osten abgeht und warum Israel da unten Krieg führt wird nicht erklärt.

      Und Informatik ist heute wohl noch Wahlpflichtfach. Wer heute immer noch nicht richtig mit dem PC umgehen kann, ist ziemlich aufgeschmissen, sehe ich ja an meinen Eltern, die nicht mal einen TV bedienen können.

      Also da sollte mal dringend nachgebessert werden. Ich selbst muss vieles nachholen, vor allem im Bereichen von Politik, Religion und Physik. Hat mir früher Keiner beigebracht, auch nicht meine Eltern. Man kann nicht erwarten, dass jeder immer nach mehr Wissen strebt, "lernen" muss auch erst gelernt werden.


      «Wenn man dich als finster und krank bezeichnet, bist du wahrscheinlich auf dem richtigen Weg.» - Thom Yorke




    • Ich kann schon verstehen, wenn man meint, dass in der Schule - gerade in der Oberstufe - zu wenig Wahlfreiheit herrscht, und die meisten Lehrpläne müssten mal grundlegend überarbeitet werden, aber im Großen und Ganzen halte ich die Debatte aus dem Anlass für Quatsch. Zumindest auf dem Gymnasium, das ist eine höhere Schule per Definition. Wenn man den Leuten da über Jahre im Unterricht Fächer wie Hauswirtschaft bringen oder genau überwachen muss, ob die Schüler jetzt n Praktikum machen/nen Ausbildungsplatz finden, gehören die nicht aufs Gymnasium. Ohne Nicht-Gymnasiasten jetzt diskriminieren zu wollen.
      Das Gymnasium ist doch gerade auf eine höhere Bildung ausgerichtet. Dazu gehört ein definierter allgemeiner Wissenskatalog - allgemeine Grundlagen in Mathe, Physik, und so weiter - und eine gewisse kulturelle Bildung, die eben über Analysen bedeutender Texte/Romane/Gedichte/Muskstücke/Bilder etc. vermittelt wird, vermittelt werden muss, weil gar nicht anders vermittelbar.
      Das muss nicht praxisnah sein, das soll es auch gar nicht sein. Ich behaupte sogar, dass man Bildung in einem zentralen Lehrplan gar nicht praxisnah gestalten kann, weil sich die Praxis schneller ändert als die Lehrpläne nachziehen können.

      Der Kram für die Steuererklärung beispielsweise ändert sich jedes Jahr in gewissen Details. Dafür gibt es da eine ziemlich ausführliche Ausfüllanleitung - die ist umfangreicher als die Steuererklärung insgesamt. Kein Stoff, der in der Schule Sinn macht.
      Mietrecht, die Gestaltung von Mietverträgen, etc. ebenso. Wenn man das mal in Klasse 7 oder 8 behandelt hat und fünf-sechs Jahre später den ersten Mietvertrag abschließt, hat man Lücken oder ist nicht auf dem aktuellen Rechtsstand.
      Das einzige, was man damit erreicht, ist noch mehr fehlende Zeit für die anderen Fächer, die wirklich eine grundlegende Bildung schaffen sollen/müssen. Ich behaupte, dass diese ganzen abstrakten, praxisfernen Konzepte die wichtigen Grundlagen einer tauglichen Allgemeinbildung sind, die viel eher in der Schule vermittelt werden sollte, und dass für diese Konzepte eh schon viel zu wenig Zeit ist. Meine Aussage "Statistik auf Hochschulniveau sollte zur Allgemeinbildung gehören" steht unverändert, erfordert aber für sich allein einige Jahre Mathe-Grundwissen.

      Wenn die Schule einen aber nur noch kleine praktische Details des Lebens erklären soll und allen anderen "überflüssigen Ballast" weglassen würde - was bleibt dann noch zwischen Hauswirtschaftslehre und Steuerrecht?
      Wenn die Schule einem potenziellen IT-Experten nur noch Programmiersprachen und IT-Wissen vermittelt und den ganzen anderen Kram wie Textanalysen in Deutsch weglässt, und dann verschieben sich im Lauf der Pubertät oder mit Anfang 20 die Interessen - von wie vielen grundlegenden Sachen hat derjenige dann noch nie auch nur gehört? Wie soll derjenige wissen, was es sonst noch so gibt und was ihm gefallen könnte? Und selbst wenn nicht, selbst wenn derjenige dann 45 Jahre lang nur IT-Kram macht - was ist das für ein unglaublich verengter Tunnelblick auf die Welt, der dadurch entsteht?

      Ich habe im IT-Bereich studiert, mache gerade meinen Master in dem Bereich berufsbegleitend, und ich möchte die Interpretationen in Deutsch und die fünf Jahre Latein im Rückblick nicht missen. Praxisrelevanz hin oder her, aber ich habe daraus viel mitgenommen, was ich nicht mal in Worte fassen kann, ohne das mir aber in meinem Leben sehr, sehr viel fehlen würde.
      Natürlich hat jeder seine Fächer, die er nicht mag, aber die Lösung dafür kann nicht sein, einfach alle Fächer, oder gar ganze Fachbereiche wie Fremdsprachen oder Naturwissenschaften, die einem nicht gefallen, aus dem Lehrplan zu schmeißen. Und schon gar nicht kann es die Aufgabe der Schule sein, einem fast erwachsenen Schüler im Rahmen des Lehrplans Miet- oder Steuerrecht zu vermitteln - wir reden hier ja nicht von einer AG nach dem Unterricht, die könnte durchaus Sinn machen, sondern von einer festen Verankerung im Lehrplan, und die macht definitiv keinen Sinn.

      "What can change the nature of a man?"




      Ravel, Planescape: Torment

    • Wenn man alle Fächer, die mir im späteren Leben "nichts nutzen" durch Fächer ersetzt hätte, die mich "auf's Leben vorbereiten", hätte ich als geisteswissenschaftlich- und sprachaffiner Mensch die Arschkarte gezogen, um das mal so deutlich zu sagen.
      Ich liebe Philosophie, ich liebe das Spielen mit Sprachen und nichts davon wird mir in irgendeiner Weise etwas nützen - jedenfalls nicht, wenn ich vor meiner Steuererklärung oder einer Berufswahl stehe. Ich habe es trotzdem gerne gemacht, weil es mir gezeigt hat, in welche Richtung ich mich orientieren soll.

      Ich habe mich hauptsächlich für die Psychologie entschieden, weil ich die Philosophie und das Interesse an der Anthropologie für mich entdeckt habe. Und weil ich Bücher gelesen habe, die pure Psychologie waren. Hesses Steppenwolf hat mir eine völlig neue Sichtweise auf mein Leben ermöglicht. Ohne den Deutsch-Unterricht (bzw. meine damalige Deutsch-Lehrerin) hätte ich dieses Meisterwerk vermutlich verpasst.
      Zudem beschäftige ich mich (freizeitlich) sehr gerne mit dem Bauen von abstrakten, ideellen Gebilden und rhetorischer Finesse.
      (Das sollte man nicht unterschätzen. Einige Dinge bringen einem auch nur rein metaphysischen Gewinn, auch, wenn man dadurch nicht gleich weiß, wie man gescheit den Dübel in die Wand bringt, um sein Bild aufzuhängen.)

      Zudem vergessen einige auch oft, dass Mathe, Deutsch und Co. nicht primär das sind, was sie zu sein scheinen. Das Lösen mathematischer Aufgaben oder Analysieren von Texten hilft uns, das logische Denken und Problemlösen zu trainieren, das wir im späteren Leben definitiv brauchen werden.

      Auf der anderen Seite stimme ich auch dem, was Miles sagt zu;
      Es hätte mir sehr viel mehr gebracht, wenn ich mich auf einen Grundfundus an Fächern hätte konzentrieren können.
      Wie viele Notenpunkte habe ich verschenkt, weil ich mich durch Fächer quälen musste, die mir einfach überhaupt nicht lagen und von denen ich das auch ganz genau wusste.
      Es sagt nichts über meine Qualifikation als Psychologe aus, ob ich den topographischen Aufbau von Afrika weiß oder die chemische Zusammensetzung von Rost. Oder ganz schlimm; Ob ich 100 Meter in unter x Sekunden laufe.
      Dagegen ist es so viel wichtiger, dass ich Grundkenntnisse über Ethik habe oder verstehe, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Aber das wurde teilweise nicht nur stiefmütterlich behandelt, sondern befand sich komplett außerhalb des Lehrplanes.

      Viel bedenklicher als das Schulsystem finde ich weiterhin unengagierte, lustlose Lehrer, die Kindern im besten Fall neutral gegenüberstehen und ansonsten nur versuchen, irgendwie ihren Stoff durchzudrücken.
    • Natürlich ist es keine Lösung alle Fächer, die man nicht mag, einfach aus dem Schulplan streichen zu lassen (es gibt hier doch auch einen Unterschied zwischen "Fächer die ich nicht mag und Fächer die ich nicht brauche" ). Es reicht ja schon oftmals aus, wenn man einzelne Fächer mal grundlegend überarbeitet und bestimmte Inhalte nur für Schüler zur Pflicht erhebt, die es auch später dringend brauchen.

      Ich bleibe dabei, ein It-Student brauch keine zwei Fremdsprachen und muss auch keine Gedichtsanalyse beherrschen, ebenso wie kein Linguistiker komplexe Kombinatorik und Stochastik beherrschen muss.

      Es geht (mir persönlich jedenfalls) eher nur um eine inhaltliche Änderung. Kunst und Deutsch meinetwegen sind schlichtweg veraltet. Kunst besteht für mich nicht nur aus der bildenden Kunst und der Deutschunterricht behandelt nur ältere Medien und hat eine Phobie vor Wikipedia, Internet, Videospiele und Co.
      Und ja, es ist ein Problem wenn ein werdender Informatiker nach Jahren merkt, dass er doch viel mehr an der Kunst und Kultur interessiert ist und er früher aber nie ein betreffendes Fach belegt hat und deshalb kaum Wissen darüber besitzt. Es kann aber auch nicht die Lösung sein, einfach jahrelang alles zu lernen, ganz gleich, ob es einen jemals was bringt. Ein Informatiker kann ebenso gut grundlegende Deutschkenntnisse über die Jahre in der Schule erlangen ohne dafür jede Woche drei Blöcke zu haben und 5 Bücher zu lesen, die ihn nicht interessieren. Hätte ich anstatt Französisch damals im Abi Java/C++ drei Blöcke jede Woche gehabt, wäre ich jetzt wohl ein guter Programmierer, aber nein, ich musste jede Woche Franz. Vokabeln lernen, eine reine Zeitverschwendung nur um dem Staat zu beweisen, dass ich Reif für die Hochschule bin.

      Und was Mietrecht, Steuererklärungen und Arbeitswelt angeht: Das kann man sicher in einem einzigen lockerem Fach unterbringen, ich sag auch nicht, dass es das gar nicht gibt, hier und da gehören Ethik und Arbeitslehre schon fest zum Programm einiger Schulen. Hier kommt es wohl darauf an, ob es sich eine Bildungseinrichtung leisten kann, also die Ressourcen (Lehrer, Zeit) vorhanden sind.

      Ich finde es gut, dass man darüber jetzt diskutiert, denn nur dann kann man auch mal was an diesem veralteten System ändern, mal dahingestellt ob der Tweet jetzt genau der Realität entspricht, oder nicht. Probleme gibt es trotzdem.


      «Wenn man dich als finster und krank bezeichnet, bist du wahrscheinlich auf dem richtigen Weg.» - Thom Yorke




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